Text: Hannah Klaiber (W&V)

Cleantech, innovative Agenturen, Banking, Social Media: In der deutschen Start-up-Szene tut sich einiges. Eine Auswahl vielversprechender Jungunternehmen aus unterschiedlichen Branchen:

Eine katastrophale technische Infrastruktur, geizige Investoren und Angst vor dem Risiko: Immer wieder stand im Jahr 2019 eine Gründerszene in Deutschland im Fokus, die angeblich müde und unmotiviert ist. Diese zehn Start-ups beweisen, dass es durchaus auch positive Nachrichten – und vor allem viel Hoffnung für das neue Jahr gibt.

1. The Goodwins: Werbeagentur für nachhaltige Produkte

Normale Werbeagenturen arbeiten wie Strafverteidiger: Egal, um was für ein Produkt es sich handelt oder ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht, man versucht einfach, das Beste herauszuholen. Anders ist das bei „The Goodwins – Die Werbeagentur, die für das Gute kämpft“. Mit einer gehörigen Portion Idealismus bewerben die Verantwortlichen Produkte, „die ein modernes, besseres, nachhaltiges Leben ermöglichen und die Welt in die richtige Richtung schubsen.“

Natürlich wollen die Berliner mit ihrer Strategie nicht nur die Umwelt schonen, sondern auch Geld verdienen und sind damit genau am Puls der Zeit. Nachhaltige Produkte sind längst keine Nischenprodukte mehr und erfreuen sich auch nicht erst seit „Fridays for Future“ immer größerer Beliebtheit.

So hat The Goodwins zum Beispiel die Launchkampagne „The Code of Good Fashion“ für das Label Manakaa Project durchgeführt. Bei den an High Fashion angelehnten Produkten steht Nachhaltigkeit im Vordergrund, was durch Sprüche wie „To the Fashion police: Stop unsustainable fashion“ oder „Prêt-à-portfair“ betont wurde. Ein anderes Projekt war die Kampagne „Made in Germany – Made by Vielfalt“, in der sich 50 deutsche Familienunternehmen für mehr Weltoffenheit und Toleranz engagieren. Gegründet wurde die Kreativagentur Ende 2018 von Tim Stübane, ehemals Mitgründer und Geschäftsführer Kreation von Ogilvy Berlin, Franka Mai (Ex-Strategiechefin, Ogilvy Berlin) und Mirko Scholz (Ex-Kreativchef, BBDO Berlin). Zuletzt kam Maurice Pfleiderer (Ex-Geschäftsführer Springer & Jacoby) dazu.

2: Lilium: Elektrische Flugtaxis

Im Jahr 2015 in München gegründet, entwickelt das mittlerweile 300 Mann starke Start-up Lilium ein Flugtaxi, das senkrecht starten und mit einer Geschwindigkeit von 300 km/h eine Stunde lang in der Luft bleiben kann. Über 100 Millionen Dollar haben die Münchner um den CEO Daniel Wiegand bislang von Investoren eingesammelt. Bis 2025 soll der fünfsitzige Lilium Jet, der irgendwann auch autonom fliegen soll, global im Einsatz sein. Und das nicht nur für Superreiche, sondern für Preise, die mit denen einer Taxifahrt vergleichbar sein sollen. Möglich macht das eine reduzierte Mechanik und ein Energieverbrauch, der gerade mal bei einem Zehntel von dem eines Hubschraubers liegt. Da die Jets senkrecht starten, können sie auch in großen Ballungsgebieten eingesetzt werden und Bewohner aus dem Speckgürtel größerer Städte ins Zentrum oder an zentrale Punkte wie Flughäfen oder Bahnhöfe bringen. Daneben sollen die Flugtaxis aber auch Hochgeschwindigkeitsverbindungen zwischen ganzen Regionen bedienen. Konkurrenz bekommen die Münchner unter anderem von Airbus, Uber und dem Google-Gründer Larry Page, die ebenfalls an Flugtaxis arbeiten.

3. Konux: Ein smartes System für Bahnbetreiber

Das Münchener Start-up Konux hat 2014 ein Predictive-Maintenance-System für Industrieunternehmen entwickelt, in dem smarte Sensoren und KI-basierte Analytik zusammenkommen. Damit können die Kunden, die vor allem aus dem Bahnbereich kommen, ihre Anlagen überwachen, frühzeitig erkennen, wo Wartungsbedarf entsteht und die Wartung damit ebenso optimieren wie die Betriebsabläufe. Die Deutsche Bahn überwacht mit Konux zum Beispiel die Weichen im Hochgeschwindigkeitsnetz. Im Oktober 2019 wurde bekannt, dass die Münchner ihr internationales Geschäft mit drei neuen Pilotprojekten mit Eisenbahngesellschaften in Frankreich (SNCF Réseau), Spanien (FGC) und Belgien (Infrabel) weiter ausbauen. Auch hier sollen die Sensorsysteme in Verbindung mit KI die Verfügbarkeit der Anlagen und damit auch die Pünktlichkeit durch vorausschauende Wartungsplanung verbessern. Seit der Gründung hat Konux, zu dessen Investoren seit 2019 auch der chinesische Konzern Alibaba gehört, 51 Millionen Dollar eingesammelt. Laut CEO Andreas Kunze will Konux weiter expandieren und 2022 an die US-Börse gehen.

4. Undone: Alkoholfreie Alternativen zu Rum, Gin& Co.

Im September 2019 ist in Deutschland das Hamburger Start-up Undone an den Start gegangen. Dessen Gründer Mehmet Ünlü und André Stork haben ein ambitioniertes Ziel: Mit alkoholfreien Gin-, Bitterlikör-, Wermut- und Rum-Alternativen dazu beizutragen, dass der weltweite Alkoholkonsum bis 2025 um 20 Prozent zurückgeht. Mit den Undone-Getränken lassen sich Drinks wie Negroni, Jamaican Mule Cuba Libre oder Longdrinks mit Tonic Water alkoholfrei zubereiten, ohne dass dabei der Geschmack verloren gehen soll.

Möglich macht das ein Verfahren, bei dem die ursprünglich alkoholhaltigen Getränke zunächst destilliert werden, bevor ihnen dann der Alkohol entzogen wird. Laut den Gründern sind sie die perfekte Verbindung von Genuss und Gesundheitsbewusstsein, aus der nicht weniger als eine neue Ära der Cocktailkultur hervorgehen soll. Helmut Adam, Mitgründer der Bar- und Spirituosenmesse „Bar Convent“, ist als Berater und Investor mit an Bord.

5. Trember: Verabredungs-App

Nichts Geringeres als so groß zu werden wie WhatsApp, ist das Ziel des 16-jährigen Schülers Jonathan Streubel und seinem Vater Nikolai Riesenkampff. Riesenkampff, aus dessen Zahlungsdienst Moneybookers die Multimilliarden-Firma Skrill hervorgegangen ist, ist als CEO dabei. Gemeinsam haben sie im Herbst 2019 die App Trember gelaunched, mit der Verabredungen viel schneller und leichter getroffen werden sollen als über andere Messenger und soziale Netzwerke.

Wer sich verabreden will, erstellt ein Event wie zum Beispiel einen Kino oder Konzertbesuch, über das dann seine Freunde informiert werden. Details werden im Chat besprochen, an dem nur Leute teilnehmen, die zugesagt haben. Das hat den Vorteil, dass der Chat nicht zugespamt wird. Aber auch, wer einfach nur wissen will, was in seiner Region los ist, kann sich über die App informieren. Bis Ostern 2020 soll die App mit der Zielgruppe Schüler und Studenten laut Businessplan 100.000 User haben und dann auch international nutzbar werden.

6. Motel a Miio: Portugiesische Keramik im Online-Shop

Anna von Hellberg (früher Art Director bei Triumph) und Laura Castien (früher selbständige Grafikdesignerin und Illustratorin) kennen sich seit der Schulzeit und entdeckten auf einer gemeinsamen Reise in Portugal ihre Liebe zu handgemachter und bemalter Keramik. Zurück in Deutschland testeten sie in ihrer Heimat München in einem Popup-Sale, inwieweit sie damit auch den Geschmack der anderen treffen konnten.

Und ja, es funktionierte. 2016 gründeten sie gemeinsam Motel al Miio, was so viel bedeuten soll wie das „Mitbringsel aus dem Urlaub“. Neben eigenen Stores und Popup-Sales in München, Hamburg, Berlin, Wien, Zürich, Stockholm und Paris haben sie mittlerweile auch einen Online-Shop, für den hauptsächlich Laura Castien zuständig ist. Ihre Partnerin versorgt den Instagram-Kanal und kümmert sich um die PR. Mit an Bord sind mittlerweile auch ihre jeweiligen Männer, die sich um die Grafik bzw. Finanzen kümmern. Ein echter Familienbetrieb also, dessen Ware fair und umweltfreundlich nach eigenen Designs in Portugal produziert und bemalt wird.

7. N26: Banking per Smartphone

Die Smartphone-Bank N26 wurde im Sommer 2019 mit 3,5 Milliarden Dollar bewertet und ist damit schon jetzt das wertvollste deutsche Startup.

2013 von Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal gegründet, ist das Herzstück des Start-ups die intuitiv aufgebaute und auf das Smartphone ausgerichtete App, die Mobile Banking so einfach und schnell wie sonst nirgends möglich machen soll. Durch die rein digitale Ausrichtung sind die Gebühren für Girokonten günstiger als bei der Konkurrenz, wobei die Smartphone-Bank Geld vor allem mit Premiumkonten und den Händlergebühren bei Kartenzahlungen verdient. Weltweit hat N26 3,5 Millionen Kunden in 25 europäischen Ländern und dem 2019 dazu gekommenen Markt USA, die nächste Station soll Brasilien sein. Das große Ziel ist es laut N 26-Deutschland-Chef Georg Hauer, eine globale Bank zu werden. N26 landete 2019 auf Platz eins der LinkedIn-Liste der deutschen Top Start-ups, für die sich Arbeitnehmer am meisten interessieren. Der Kundenservice, über den es zeitweise massive Beschwerden gegeben hatte, wurde 2019 aufgestockt.

8. Osterus: Datananalyse für HR-Abteilungen

Dass Maximilian Tayenthal, der mit N26-Gründer das wertvollste deutsche Start-up gegründet hat, in Osterus investiert, ist wahrscheinlich auch für die noch ganz am Anfang stehenden Berliner ein gutes Omen. Osterus will seinen Kunden ein Datenanalysetool für Personalabteilungen zur Verfügung stellen, das Anschreiben und Lebensläufe auswertet.

Gerade bei internationalen Bewerbern aus Regionen wie Asien ist es für Personaler oft schwierig zu entscheiden, wie gut zum Beispiel die Universität ist, die der Bewerber absolviert hat. Gegenüber „Gründerszene“ sagte der Gründer Julian Herzog, das Analysetool solle mit Daten von LinkedIn oder Glassdoor statistisch ermitteln, wie gut der Bewerber den Job wahrscheinlich ausfüllen und wie lange er im Unternehmen bleiben wird. In Zukunft soll Osterus auch von Schülern dazu genutzt werden können, eine passende Universität zu finden. Ende 2019 liegt der Produktstart noch in der Zukunft, steht aber kurz bevor. Unter den Investoren sind laut „Gründerszene“ auch der Lieferando-Gründer Jörg Gebig und Raša Karapandža, Finanzprofessor an der European Business School.

9. Sunfire: Neue, umweltschonende Kraftstoffe

Auf der Cleantech-100-Liste, die jedes Jahr die einhundert innovativsten und vielversprechendsten Cleantechs auflistet – also Unternehmen aus der Energiebranche, die besonders Ressourcen- und Emmissionssparend arbeiten – landete 2019 auch das Dresdner Unternehmen Sun􀇊re. Das Start-up entwickelt und produziert Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer technischer Gase und Kraftstoffe, die Erdöl und Erdgas ersetzen sollen.

Anfang Oktober 2019 wurde eine Kooperation zwischen dem Power-To-X-Start-up und dem französischen Milliarden-Konzern Total bekannt. Das Dresdner Unternehmen soll für Total ein synthetisches Methanol entwickeln, das im industriellen Maßstab hergestellt werden soll. Dafür sollen mittels Elektrolyse Wasser und erneuerbarer Strom zu grünem Wasserstoff werden, der dann mit CO2 versetzt zu synthetischem Methanol wird. Sunfire wurde 2010 von Carl Berninghausen, Nils Aldag und Christian von Olshausen gegründet und hatte bis Anfang 2019 rund 60 Millionen Euro Wagniskapital eingesammelt.

10. Choco: Gastro App

2018 gründeten die ehemaligen Rocket-Internet-Manager Julian Hammer, Rogério da Silva Yokomizo und Daniel Khachab den Messenger-Dienst Choco. Darüber können Gastronomen, Supermärkte und Kantinen mit ihren Lieferanten kommunizieren. Bestellungen und Rechnungen können leichter abgegeben und angefordert werden, der Service funktioniert in insgesamt 15 europäischen Städten sowie in den USA.

Noch ist das Start-up nicht profitabel, hat aber im Oktober 2019 eine neue Finanzierungsrunde mit rund 30 Millionen Euro abgeschlossen. Zu den Investoren zählen unter anderem Bessemer Venture Partners (LinkedIn), Base 10 sowie der Sound-Cloud-Gründer Eric Wahlforss und der Ex-Uber-Produktchef Daniel Graf. Seit der Gründung hat Choco damit rund 37 Millionen Euro eingesammelt und beschäftigt mittlerweile rund 100 Mitarbeiter.